Von Karin (Name geändert)

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
das letzte Jahr/Schuljahr war extrem schwierig und surreal.
Auch ich habe remonstriert. Ich bin weiterhin im Dienst.
Ich fühle mich zerrissen zwischen der Umsetzung der lebensfremden Maßnahmen
und gleichzeitig dem Gefühl, trotzdem am richtigen Platz zu sein.
Von daher möchte ich versuchen, etwas Mut zu machen.
Als erstes möchte ich eine Lanze für mein Kollegium brechen.
Ja, wir sind unterschiedlicher Ansichten zu Corona. Ich weiß auch, dass die
Lehrkräfte Sorge haben, sich bei den Kindern anzustecken.
Dennoch haben wir es geschafft, weiterhin als Team, in dem wir uns gegenseitig
unterstützen, zu arbeiten und zu leben. Ich bin meinen Kolleginnen zutiefst dankbar
dafür, dass wir normal miteinander umgehen. Niemand benimmt sich panisch oder
seltsam. Wir sind uns einig, dass Informationen über Maßnahmen so sachlich wie
möglich transportiert werden sollten.
Das Regelkorsett ist so eng geschnürt und ich möchte uns Schulleitungen und
Lehrkräfte aufrufen nicht müde zu werden, die minimalen Spielräume auszuloten und
zu nutzen oder selbst welche zu schaffen!
Hier ein paar Beispiele unserer Schule.
Auf dem Schulhof in den Pausen tragen die Kinder keine Maske, wenn sie in ihrem
Pausenfeld angekommen sind. (Rennen, schreien, toben mit Maske?)
Wir haben den Kindern für die Pause neben Kisten mit kleinen Spielgeräten
Poolnudeln angeschafft. Damit können sie endlich wieder „Ticken“ spielen (Abstand
gewährleistet ) Ja, sie kämpfen auch damit, etwas reglementieren muss man
schon. Aber auf jeden Fall haben sie Spaß und kommen in Bewegung.
Wir konnten mit Unterstützung des Dezernenten eine zusätzliche
Notbetreuungsgruppe einrichten. Wenn auch nur ganz kurz, denn jetzt sind ja alle
wieder da. Apropos alle wieder da: Die Stimmung ist gut! Allerdings kannten einige
Erstklässler*innen die Kinder der anderen Gruppe nicht mehr mit Namen. An dem
Punkt starten wir von vorne…
Kein Kind testet sich bei uns nach vergessener Testung in der Schule, es sei denn
die Eltern machen das. Jedoch keine Lehrkraft beaufsichtigt, geschweige denn
unterstützt Kinder beim Testen!
Für Kinder, die mit den Tests massive Probleme haben (bluten, weinen), haben wir
Lollytests besorgt (bezahlt aus Budget RLSB).
Und ihr wollt auch kein Kind, dass am Montag keine Testunterschrift hat, aus der
Klasse nehmen, obwohl wir am Freitag alle ungetestet zusammensitzen, richtig? …
Das regeln wir mit den Eltern.
Selbstverständlich trösten wir Kinder, die sich z. B. verletzt haben, ggf. ohne
Abstand. Man muss sich einfach täglich neu fragen, was menschlich geboten ist. Das
sage ich deshalb, weil ich es selbst auch schon ein paar Mal „vergessen“ habe.
Leider.
Ansonsten möchte natürlich auch ich, dass die Maßnahmen sofort beendet werden.
Sie sind lebensfremd, unmenschlich und nicht zielführend. Mit Schule hat das nichts
mehr zu tun.
Sollte es so sein, dass „das“ hier tatsächlich irgendwann „vorbei“ ist, dann hoffe ich,
dass wir wirklich einen positiven Wandel für unsere Schulen, für unsere Kinder und
Jugendlichen hinbekommen. Als erstes würde ich gerne flächendeckend die Noten
abschaffen… aber uns fällt bestimmt noch mehr ein!

Lasst euch nicht unterkriegen – es erfordert so viel Selbstdisziplin, aber bitte gebt
nicht auf. Manchmal werden wir auch von unerwartet anderer Seite scharf kritisiert
dahingehend, dass wir diese unsäglichen Maßnahmen zulassen und umsetzen. Ich
bin der Meinung, dass wir aber auch diejenigen sind, die es den jungen Menschen
unter widrigen Umständen ermöglichen, wenigstens noch mit ein paar Freunden
gemeinsam zu lernen, zu sprechen und zu spielen.


Herzlichst
Schulleitung einer Grundschule in Niedersachsen